Aufklärungsbedarf zu Morsal steigt
Das mit der Rhetorik hat er drauf, keine Frage, kann man für einen vierstelligen Monatsbetrag aber auch erwarten. Das mit der Wahrheit hat er nicht so drauf, und deswegen möchte ich meine Fraktion auch überzeugen, in den zweiten Gang zu schalten, was die parlamentarische Aufklärung zum Fall Morsal angeht. Es kann ja überhaupt nicht angehen, dass die Akte des Mädchens quer durch die Republik geschickt wird, nur wir Hamburger Parlamentarier sollen bitte keine eigenen Bewertungen und Schlüsse ziehen. So gehts jedenfalls nicht, und ein Aktenvorlageersuchen an den Senat (ein Minderheitenrecht der Bürgerschaft, ein Fünftel der Abgeordneten muss zustimmen) ist meiner Meinung nach der nächste Schritt, nachdem uns der Senator jetzt zwei Sitzungen lang im Jugendausschuss was von Datenschutz erzählt hat.
Ganz lustig auch: wenn es darum geht, anderen die Schuld zuzuschieben, dann ist das mit dem Datenschutz überhaupt keine Frage. Leider können wir, wie gesagt, die Schlussfolgerungen des Senators nicht nachvollziehen. Mangels Informationen. Dass sich nun aber versündenbockte Bezirksamtsleiter öffentlich zu wehren beginnt, lässt ja schon aufhorchen. Zunächst heute im Abendblatt, und später noch präziser beim NDR.
Haarscharf neben der Wahrheit, Herr Senator. Der Vorwurf an das Jugendamt Mitte, mit dem der Senator gestern im Abendblatt zitiert wurde (es habe im Jugendamt keine Gefährdungseinschätzung stattgefunden), den habe ich im Ausschuss auch so gehört. Ob er es wirklich gesagt hat, möchten CDU und GAL nicht klären: schließlich haben sie extra das Wortprotokoll abgebrochen.
So wird unser Ansatz, die Schwächen in der Hilfe-Koordinierung zu identifizieren, noch erschwert. Aber es ist natürlich sehr bequem, wenn man im Fall des Falles Verantwortung abschieben will.
Übrigens rückte im Jugendausschuss die Senatsseite - Wersich an der Spitze - mit Vertretern aller beteiligten Behörden an, nur nicht mit einem Vertreter des Bezirks. Später wurde deutlich, warum: Dem Jugendamt Mitte sollte ein Großteil der Schuld zugeschoben werden.
Heute nun widersprach Markus Schreiber der Behauptung von Sozialsenator Dietrich Wersich, Morsal O. sei ausschließlich in der Obhut des Bezirkes gewesen. Tatsächlich habe der KJND, der direkt zu Wersichs Sozialbehörde gehört, sehr wohl Morsal wiederholt in Obhut genommen. Bezirk und Behörde hätten auch regelmäßig über das Mädchen beraten - zuletzt am 14. Mai, also einen Tag vor dem Mord. Was in den letzten Tagen vor ihrem Tod im einzelnen unternommen wurde - darüber schweigt sich die Behörde offiziell aus. Warum nur?
Kommentare
Hinterlassen Sie mir einen Kommentar oder eine Frage.
